Logistik 4.0

Emmi_146Schon bei Industrie 4.0 stellt sich die Frage nach der Balance von echter Innovation zu kreativem Marketing. Dies trifft sogar noch verstärkt auf die Ableitung Logistik 4.0 zu. Warum das so ist und was wir tatsächlich von „4.0“ erwarten können, versucht dieser Blog-Beitrag zu beantworten.

Was ist 4.0 überhaupt?

Es gibt verschiedene Definitionen für Industrie 4.0, gemeinsam sind ihnen die beiden folgenden Kernelemente:

  1. Datentechnische Vernetzung und Integration von Maschinen, Sensoren und anderen (Produktions-) Einrichtungen
  2. Unter Verwendung von Internet-Technologien.

Das erste Kernelement ist bereits 1973 formuliert worden und hat insbesondere in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts unter dem Akronym CIM große Wellen geschlagen. Deshalb hört man gelegentlich über Industrie 4.0 die etwas despektierliche Einschätzung „alter Wein in neuen Schläuchen“.

Alter Wein in neuen Schläuchen?

Ganz von der Hand zu weisen ist das nicht und dennoch ist Industrie 4.0 mehr als nur ein neues Schlagwort für altbekannte Konzepte. Denn hinter dem scheinbar lapidaren Zusatz „Verwendung von Internet-Technologien“ steckt viel mehr als etwa nur TCP/IP und HTML.

Mit dem Bergriff „Internet-Technologien“ ist bei Industrie 4.0 viel mehr gemeint als eine Ansammlung bestehender Kommunikations- und Vernetzungsstandards. Denn vor allem ist das Internet dadurch geprägt, daß es Brücken schlägt. Brücken der Kommunikation, Brücken der Vernetzung und Brücken der Zusammenarbeit. Und genau um diesen Aspekt versucht die Initiative „Industrie 4.0“ die Produktionstechnologien zu bereichern.ITMontage

Ähnlich wie wir es heute schon gewohnt sind, Funktionen und Dienstleistungen unterschiedlicher Anbieter auf Internet-Plattformen zu kombinieren, so soll das auch in der industriellen Produktion gelingen. Bevor ich daraus die eigentliche Herausforderung für die konkrete Umsetzung ableite, gehen wir erst einmal auf die Unterschiede zwischen „Industrie 4.0“ und „Logistik 4.0“ ein.

Industrie 4.0 vs. Logistik 4.0

Die Kernelemente sind identisch, lediglich in der Aufgabe unterscheiden sich „Industrie 4.0“ und „Logistik 4.0“. Bei Letzterem geht es um die Optimierung der Lieferketten, während „Industrie 4.0“ primär die Güterproduktion adressiert. Lieferketten funktionieren nur mit intensiver Kommunikation und deshalb ist die Logistik bei der Erreichung der 4.0-Konzepte schon weiter als die Produktion. Folglich stellt sich beim Begriff „Logistik 4.0“ sogar noch viel mehr die Frage, was denn daran nun neu sein soll.

Um das zu beleuchten, komme ich auf die eigentliche Herausforderung zurück. Erlauben Sie mir bitte dafür die Verwendung eines scheinbar banalen Beispiels. Wenn ich Sie frage „Wissen Sie wie spät es ist?“ werden Sie als höflicher Mensch sicherlich nicht einfach mit „Ja“ antworten, sondern mir die aktuelle Uhrzeit nennen. Das heißt, Sie haben meine Frage verstanden und diese sogar sinnvoll interpretiert, um kooperativ zu antworten.

Hätte ich Sie hingegen gefragt „Nǐ zhīdào zhè shì shénme shíhòu?“ wäre die Antwort wahrscheinlich ein Achselzucken oder „Wie bitte?“ gewesen. Damit wir kommunizieren können, bedarf es also auch noch einer gemeinsamen Sprache. Ebenso würde unsere Kommunikation scheitern, wenn wir kein gemeinsames Medium bzw. Kodierung für die Signalübertragung verwenden würden. Zum Beispiel ein Blatt Papier und gemeinsame Schriftzeichen bzw. Alphabet.

Mehr als Datenaustausch

Für erfolgreiche Integration und Kooperation bedarf es also drei Ebenen: das gemeinsame Medium, die gemeinsame Sprache und Interpretation bzw. Verständnis der übermittelten Botschaft. Lediglich bei der untersten Ebene der Kommunikation, dem gemeinsamen Medium zum Signal- bzw. Informationsaustausch sind wir schon recht weit.

Bei der Sprache gibt es teilweise erstaunlich weitgehende Standards – aber nicht branchenweit. Vielmehr haben sich einzelne Hersteller und Vereinigungen eigene Sprachräume geschaffen. Das können EDI Standards im Bereich der Speditionen sein oder Maschinen-Kommunikationsprotokolle die sich Integratoren geschaffen haben, um Anlagen schneller und sicherer in Betrieb nehmen zu können.
Letztlich ist das Ziel von 4.0 die nahtlose Integration und Zusammenarbeit von unterschiedlichen Einrichtungen einer Produktions- oder Lieferkette. Wenn zum Beispiel eine Maschine zum automatischen Einlegen von Lieferscheinen in eine Sendung meldet „Papier ist alle“, sollte eine andere Maschine einspringen, die Sendungen zu dieser zweiten Maschine umgeleitet werden und gleichzeitig der Papiernachschub (-Roboter) in Gang gesetzt werden.

Ein langer Hürdenlauf

Bis dieses Beispiel über verschiedene Geräte und Gerätehersteller funktioniert, sind offensichtlich noch einige Kommunikations- und Verständnishürden zu überwinden. Die sogenannten Software-as-a-Service (SaaS) Angebote im Internet zeigen aber, daß dies prinzipiell möglich ist. Das heißt, die Technologie ist vorhanden und wir können uns an erfolgreichen Implementierungen aus anderen Anwendungsgebieten orientieren (beispielsweise die Kombination in der Cloud von einer Customer-Relationship-Management Software (CRM) des Herstellers A mit dem Newsletter-Tool des Herstellers B und der Office-Software des Herstellers C).

Sicherlich wäre es vermessen, jetzt den einen globalen Standard für Sprache und Bedeutung über alle Prozeßschritte der Lieferketten zu fordern, um Logistik 4.0 umzusetzen. So ein Projekt würde an seiner Größe und Komplexität scheitern. Was uns aber nicht daran hindern soll, in klar umrissenen Anwendungsgebieten so einen gemeinsamen Standard zu schaffen. Logistik 4.0 wird es also in unterschiedlichen Ausprägungen an verschiedenen Stellen der Lieferkette geben. Und da die Technologien und Blaupausen für eine erfolgreiche Umsetzung vorhanden sind, werden wir hoffentlich schon bald die ersten 4.0 Pflänzchen in der Logistik sprießen sehen.

Über Dr. Max Winkler

Dr. Max Winkler is the VP Solutions & Technology of SSI SCHAEFER PEEM, the leading supplier for logistics equipment and automation, specialized in order picking applications. He received a PhD in Mechanical Engineering from the University in Hannover, Germany, and has more than 13 years of experience in material handling systems across various industries. He started in the material handling industry at Mannesmann Dematic in Germany. Gaining experience in areas such as product design, manufacturing, QM and strategic business planning then led to the position of Operations Manager at Dematic's main European site in Offenbach, Germany. In 2003 Mr. Winkler became the Project Director for the baggage handling system of the extension of Dubai airport, with over 70 km of conveyors still the world largest baggage handling system. In 2006 he joined SSI Schäfer in Graz, Austria to manage product design and manufacturing. Since 2010 he coordinates the solutions and R&D activities within the global SSI Schäfer Automation group.
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