Mit Amazon durchs Chaos-Lager

BüroklammernBei Amazon herrscht Chaos, und das mit voller Absicht. Beim weltgrößten Online-Shop lagern die Waren in den verschiedenen Versandzentren auf den ersten Blick völlig wahllos durcheinander. Aber nur auf den ersten Blick, denn hinter der scheinbaren Unordnung steckt ein System: die chaotische Lagerung.

Wie funktioniert ein chaotisches Lager?

Ein chaotisches Lager ist eine Ansammlung von Regalen, die Platz für die Produkte bieten. Bis dahin ähnelt es also einem Lager nach dem Festplatzsystem. Das Besondere an einem chaotischen Lager sind die einzelnen Materialfluss-Prozesse.

Bei der Einlagerung von neuen Produkten bringt ein Mitarbeiter diese ins Lager und sucht freien Regalplatz. Jeder einzelne Lagerplatz ist mit einem Barcode eindeutig gekennzeichnet, jedes Produkt natürlich ebenfalls. Mit einem Handscanner werden diese Codes gescannt, damit der Computer weiß, dass sich der entsprechende Artikel an dieser Stelle im Regal befindet.

Zur Kommissionierung wird diese Information dann wieder abgerufen. Der Computer erstellt Picklisten und schickt die Kommissionierer zu den Regalplätzen, an denen die gewünschten Artikel laut Datenbank lagern. Bei der Entnahme aus dem Regal muss wiederum gescannt werden, damit die Datenbank aktuell bleibt.

Chaotische Lagerung ist übrigens nicht gleichzusetzen mit automatisierter Lagerung. Es ist zwar möglich, ein chaotisches Lager vollautomatisch zu betreiben, aber nicht immer sinnvoll. Bei Amazon beispielsweise ist der Personalbedarf nach wie vor sehr hoch, weil die Simulation der Lagerprozesse ergab, dass der Einsatz von Menschen günstiger ist.

Was sind die Vorteile chaotischer Lagerung?

Chaotische Lager sind deutlich flexibler als Festplatzlager und können auf Änderungen im Sortiment viel leichter reagieren. Damit entfällt einiges an Planungsaufwand, denn weder das Sortiment als Ganzes, noch die Absatzmengen der einzelnen Produkte müssen im Vorfeld geplant oder bekannt sein.

Darüber hinaus kann das verfügbare Lagervolumen bei chaotischer Lagerung besser ausgenutzt werden, weil freiwerdende Plätze sofort wieder belegt werden dürfen. Bei der Festplatzlagerung hingegen bleiben bestimmte Regalbereiche immer für die vorgesehenen Artikel reserviert, selbst wenn der eigentliche Bestand dieses Artikels deutlich geringer ist.

Chaotische Lagerung spart Zeit, sowohl beim Einlagern, als auch beim Kommissionieren. Eintreffende Artikel werden einfach an freien Stellen im Regal abgelegt. Zur Kommissionierung errechnet der Computer dann aus den eingehenden Bestellungen die bestmöglichen Routen. Dadurch verkürzen sich die Wege, die jeder einzelne Mitarbeiter zurücklegen muss. Bei Amazon sind die Picklisten übrigens nicht nach Bestellungen sortiert, d. h. die kommissionierten Produkte werden erst in einem weiteren Schritt zu Kundenaufträgen zusammengefasst.

Die Einlernzeiten für die Mitarbeiter sind bei chaotischer Lagerung ebenfalls wesentlich kürzer als bei Festplatzlagerung. Es ist dann nämlich nicht nötig, dass sich Mitarbeiter die Organisation des Lagers oder einzelne Artikelstandorte einprägen. Dadurch ist das Personal leichter austauschbar, es ist also möglich, bei saisonalen Schwankungen Leiharbeiter einzusetzen.

Welche Voraussetzungen braucht ein chaotisches Lager?

Intuitiv würden die meisten Menschen gleichartige Gegenstände gemeinsam lagern, also die zu lagernden Waren gewissermaßen nach vorher festgelegten Eigenschaften sortieren. Dann würden sämtliche Bücher in einem Bereich des Lagers verstaut werden und alles Spielzeug in einem anderen.

Bei chaotischer Lagerung ist das nicht nötig. Die Produkte müssen sich nur in ihren Anforderungen an die Lagerhaltung ähneln (insb. Temperatur, Luftfeuchtigkeit). Weitere Charakteristika brauchen nicht berücksichtigt werden. In einem chaotischen Versandzentrum lagern also beispielsweise Bücher, Spielsachen, Sportgeräte, Computer-Zubehör, DVDs, Schmuck und Digital-Kameras im gleichen Regal Seite an Seite.

Ausnahmen bestehen für absolute Schnellläufer, bei denen sich eine Einlagerung nicht lohnt, und Artikel, die zu sperrig oder zu schwer sind, um ohne weiteres gelagert zu werden. Solche Artikel müssen getrennt untergebracht werden. Produkte, die leicht verderben, sind für die chaotische Lagerung ebenfalls ungeeignet.

Selbstverständlich muss sichergestellt sein, dass alle Artikel kodiert sind und vom Computer erfasst werden können. Das gleiche gilt für die Lagerplätze. Ferner braucht der Computer eine Art Karte des gesamten Lagers, damit er die Pickrouten optimal berechnen kann.

Chaotische Lagerung ist ohne ein zuverlässiges Warehouse Management System nicht durchzuführen. Falls der Computer ausfallen würde oder einen Datenverlust hätte, müsste der Versandbetrieb stillstehen, bis das Problem behoben ist.

Diese Form der Lagerung ist insbesondere interessant, wenn das Sortiment umfangreich ist, aber von den einzelnen Produkten nur wenige Exemplare vorgehalten werden. Das ist im Online-Handel üblicherweise der Fall.

Dort kommt es darüber hinaus häufig zu Bestellungen mit Artikeln aus verschiedenen Kategorien, so dass eine Lagerung nach Warengruppen keine Vorteile bringen würde. Im Gegenteil: bei Amazon achten die Mitarbeiter bei der Einlagerung darauf, dass keine Artikel der selben Kategorie direkt nebeneinander liegen. So werden Verwechslungen und damit Fehlkommissionierungen verringert.

Der Begriff „chaotische Lagerung“ ist im Übrigen nur aus menschlicher Sicht angebracht, gilt aber nicht für den Computer. Denn für die Lagerverwaltungs-Software ist auch ein chaotisches Lager nichts weiter als eine Abfolge von Rechenbefehlen und Datenbank-Operationen.

Ist Amazon ein gutes Beispiel für chaotische Lagerung oder kennen Sie ein noch besseres?

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